Review – WiBoLT 2016 – 320km

Ich habe den Rheinsteig bezwungen

NONSTOP!

Heute, Tag 1 nach WiBoLT, folgt denn nun mein Bericht zu diesem Wahnsinn. Ich hoffe, ich finde überhaupt die passenden Worte so kurz nach Zieleinlauf.

Vor einem Jahr hab ich mich für den 2016er WiBoLT angemeldet. Ich hatte da gerade einen 100k Ultra (meinen allerersten 🙂 ) hinter mir, und dachte ich kann jetzt laufen wie Forest Gump. Naja, hoch geflogen, tief gefallen. Die nächsten 100er waren nicht immer erfolgreich. Öfters kam ein DNF und auch nicht immer wegen Verletzungen sondern auch weil es mental nicht funktionierte. Dazu kam noch ein sehr geringer Trainingsumfang in den ersten 4 Monaten diesen Jahres wegen chronischer Faulheit. Nicht alles die besten Voraussetzungen um den längsten Nonstoplauf Deutschlands zu bestreiten. ABER: Dieses Rennen geht über den kompletten Rheinsteig, quasi ein Lauf einmal quer durch die Heimat, und das ist sehr sehr motivierend. Mental voll auf der Höhe war es also nie eine Frage ob, sondern nur wann ich in Bonn ins Ziel einlaufe.

screenshot_03Zwei Wochen vorher fingen die Planungen an. Ein Roadbook musste geschrieben und Equipment für diese lange Strecke zusammengestellt werden. Das Streckenprofil hab ich so sehr studiert und mir auf den verschiedenen Profilen angeschaut, dass ich eines Morgens in China mit dem Gedanken aufwachte, ob ich in der DJH Bad Honnef noch ne kurze Rast einlegen sollte bevor es auf den nächsten Siebengebirgsgipfel geht (Ich habe übrigens keine Rast gemacht und bin noch 10km weiter 🙂 )

Da die einzelnen Etappen zwischen den CPs teils sehr lang sind, habe ich mir kleinere Zwischenziele ins Roadbook geschrieben. Es läuft sich halt leichter 10km zum nächsten virtuellen Ziel (auch wenn dort nix ist), als 30km zum nächsten CP.

2016-05-23 06.25.06 KopieNach tagelangem Packen, umpacken, alles über den Haufen schmeissen und nochmal von vorne überdenken, ging es dann Mittwoch Nachmittags nach Wiesbaden Biebrich zum Schloss. Dort ist gegenüber am Rheinufer Kilometer 0 des Rheinsteigs (oder km320 wenn man von Norden kommt 🙂 ) Das Starterfeld war mit 54 Startern sehr überschaubar. Klein aber fein eben. Es ist wohl auch schwer, mehr Starter für so ein verrücktes Rennen zu finden.

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Schloss Biebrich

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Punkt 18 Uhr ging es recht unspektakulär los und für die nächsten 3 Tage war einzig und allein das markante blau-weisse Rheinsteig-Logo unser Wegweiser. Nach 5km flacher Strecke in Wiesbaden ging es dann in den Rheingau und über Frauenstein, Georgenborn zum ersten CP in Schlangenbad. Ein kurzer Schluck Wasser und weiter ging es durch den Rheingau. Kurz nach Kiedrich nach ca. 32km musste dann die Stirnlampe helfen den Weg zu finden. Gegen 01:30 kam ich dann am bei CP2 am Niederwalddenkmal an. Den Rheingau muss ich nochmal am Tag ablaufen. Bis zum Niederwalddenkmal läuft man an Plätzen wie dem Kloster Eberbach, der Abtei St. Hildegard und dem Schloss Vollrads vorbei. Der Blick über Rüdesheim in Richtung Bingen ist bestimmt auch schön wenn man dort bei Tageslicht vorbei läuft und nicht, wie wir, im Dunkeln Richtung Bonn stolpert. Insgesamt bestimmt eine schöne Tagestour.

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Morgenstimmung zwischen Lorch und Kaub

Eine Stunde vor Lorch traf ich auf Peter, einen Läufer aus Holland, mit dem ich dann bis kurz vor Kaub zusammen durch den Morgennebel lief. In Kaub beginnt die Königsetappe auf dem Rheinsteig die sich bis St. Goarshausen zieht. Knackige Höhenmeter und ein spektakulärer Ausblick nach dem anderen machen dieses Stück Rheinsteig aus. Auf dem Weg zur Dörscheider Höhe, einem der höchsten Punkte des Rheinsteigs, verzog sich dann auch endlich der Nebel und ich konnte den schönsten Abschnitt des Rheinsteigs  bei Kaiserwetter erleben.

Auf der Loreley bei Km105 hatte ich dann Zugriff auf meinen Dropbag und eine warme Dusche!!! Ich konnte auch falsche Entscheidungen revidieren. Normal laufe ich mit Tank-tops. Aber hier auf dieser langen Distanz hat der Laufrucksack angefangen die Haut unter den Achseln aufzuscheuern. Zusammen mit dem salzigen Schweiss war das sehr schmerzhaft. Also Kurzarm-shirts angezogen und alles ist gut. Ich habe auch auf der Loreley meine Salomon Speedcross gegen meine Saucony Strassenschuhe getauscht. War auch eine sehr gute Entscheidung. Ich kam mit den Sauconys perfekt über den restlichen Rheinsteig. Die späteren Blasen wären mit den Salomon noch viel schlimmer gewesen.

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Burg Katz

Die 19km von der Loreley bis zum nächsten CP in Oberkestert war eine recht kurzweilige Tour durch meine alte Heimat und gegen 16:00 Uhr erreichten wir Uschis Wanderstation in Oberkestert. Dort, bei km124, wartete kaltes Weissbier auf die durstigen Läufer (natürlich nur das gute alkoholfreie) und nach einer Gulaschsuppe ging es für 2 Stunden Schlaf in eines der Gästezimmer die für die Läufer reserviert waren.

Um 19:30 ging es dann weiter auf die nächste Etappe nach Kamp-Bornhofen, vorbei an Burg Liebenstein und Burg Sterrenberg, den feindlichen Brüdern. Dort, am CP6 nach 136km, wurde ich, wie an jedem anderen CP auch, superfreundlich empfangen und nach einem Weissbier, Salami, Käse, Gummibärchen und Schokolade ging es direkt weiter in den aufkommenden Regen in Richtung Braubach.

24km bis Braubach in stärker werdendem Regen auf dem Rheinsteig bei Nacht ist nicht mehr wirklich witzig wenn man schon 26 Stunden unterwegs ist und 136km in den Knochen hat. Aber trotzig im Wald an einer Futterkrippe stehen zu bleiben ist ja auch keine Lösung. Also setzt man einen Schritt vor dem anderen und kämpft gegen die Dämonen im Kopf. Bei solche Etappen steigen die meisten Leute aus den Rennen aus. Körperlich die Distanz zu bewältigen ist das eine. Weitaus schwerer ist es den inneren Schweinehund zu besiegen, der bei so widrigen Umständen natürlich ganz laut bellt. Eine Nacht später, in Feldkirchen, war es bei mir auch fast soweit, aber dazu später.

Gegen 2:45 kam ich dann bei strömenden Regen in Braubach und wähnte mich bereits im trockenen CP; Aber Nein, die Rheinsteigmacher müssen einen ja nochmal den scheiss Berg hoch auf die Marksburg jagen. Völlig am Ende kam ich dann beim CP7 gegen 3:10 im Braubacher Rathaus an. Dort herrschte eine Atmosphäre wie in einem Flüchtlingscamp. Überall wo Platz war kauerten und lagen Läufer, eingehüllt in Aluminium-Rettungsfolien. Nach einer heissen Nudelsuppe fand ich auch noch einen Platz und schlief glücklich auf der Fussabtretermatte des Rathausbüros ein. 🙂

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Die Marksburg um 6 Uhr morgens

Um 5.30 war dann die Nacht in dieser Wellness-Oase vorbei und um 6:08 sah ich bereits die Marksburg in der Ferne auf Augenhöhe. Nicht mehr lange und ich erreichte Friedland an der Lahn, und nachdem ich über der Brücke war hatte ich den Taunus hinter mir gelassen.

Nun gut, dann eben jetzt der Westerwald. Egal, die Rheinsteigschilder sind immer noch Blau-Weiss.

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Ruppertsklamm

Nach dem Durchsteigen der Ruppertsklamm erreichte ich CP8 oben in der Klamm gegen 8:30. Meine Hochachtung an die Helfer dort oben in der Klamm, die ohne Strom und ordentlichem Handyempfang dort über einen Tag ausharren und sich um die Läufer kümmern die dort vereinzelt alle paar Stunden ankamen.

Der Regen hatte mittlerweile aufgehört und im Koblenzer Wald schien schon wieder die Sonne. Vorbei an KO-Horchheim ging es runter nach KO-Pfaffendorf und plötzlich stand ich dann am Koblenzer Rheinufer. Big Milestone, very big! 🙂

Gemütlich ging es am Rheinufer entlang, aber Gemütlichkeit und Trailrunning ist wie Materie-Antimaterie. Sowas funktioniert nicht. Aber es kam auch schon die Festung Ehrenbreitstein näher und ich war wieder dabei, hoch zur Festung routiniert die Höhenmeter zu zählen und die Gemütlichkeit war nur noch blasse Erinnerung.

Die folgenden 12 Stunden waren nicht wirklich ein Highlight. Man muss das Neuwieder Becken umgehen. Das heisst bergauf bergab und weit weg vom Rhein irgendwo im Landesinneren läuft man sich die Hacken wund und kommt nicht wirklich von der Stelle. Immer wenn man mal einen Aussichtspunkt erreicht, sieht man in der Ferne den Atommeiler von Mülheim-Kärlich und die Neuwieder Rheinbrücke. Da waren mir die alten Burggemäuer einen Tag vorher lieber. Aber Trailrunning ist kein Wunschkonzert, also nicht jammern sondern weiter!

Nach CP9 in Vallendar und CP10 in Rengsdorf erreichte ich um 0:30 nachts CP11 in Feldkirchen wo wieder der Dropbag und eine heisse Dusche auf uns wartete. Der TV Feldkirchen bot uns Quartier in seinem Vereinsheim und eine wundervolle 3 Std Nacht im Schlafsack auf einer Turnmatte beendete diesen 19 Stunden Marsch.

4:30 Aufstehen, Bad, Kaffee, Nudeln mit Hackfleisch und noch paar Gummibärchen und währenddessen die Füsse in neue Socken stecken.  2016-05-28 01.09.32Ein paar Stunden zuvor, als ich in Feldkirchen ankam, war ich fest überzeugt das mein Rennen vorbei wäre. Die Blasen am 2. Zeh bekam ich bereits am ersten Tag in den Salomons und entwickelten sich im Laufe des zweiten Tages zu 2 schönen Prachtexemplaren. Solange ich unterwegs war hab ich nix davon gemerkt, aber im Nachtlager nachdem die Socken weg waren, kam der Schmerz und das dumpfe Pochen. Direkt meldeten sich die Dämonen und meinten mich zu überzeugen das Rennen aufzugeben. So zwei schmerzhafte Blasen sind doch nun auch wirklich ein Grund aufzuhören. Und überhaupt, 235km ist doch auch eine Leistung, das reicht doch. Was ein scheiss Blödsinn!!! Irgendwie habe ich es morgens geschafft neue Socken anzuziehen (5-Finger-Socken sind nicht so einfach anzuziehen bei solchen Blasen), und gegen 6:20 Uhr stand ich wackelig auf der Feldkircher Strasse und suchte mein nächstes Blau-Weisses Rheinsteigschild und zeigte den Dämonen der Nacht den Stinkefinger!

Kurzes Überschlagen der Zeit und der Distanz. Es ist Samstag morgens 6:20 bei Km235. Es sind “nur” noch 90km bis ins Ziel. Das sollte doch in unter 24 Std zu schaffen sein. Also ENDSPURT!!!

Das Neuwieder Becken lag hinter mir und der Rhein kam wieder näher. Es ging durch Leutesdorf und Hammerstein nach Rheinbrohl/Arienheller zum CP12. Nach einem Weissbierfrühstück ging es nach Linz am Rhein, mit 15km mal eine kurze Etappe. Nun folgte eine brutale Ochsentour mit 30km bis nach Rhöndorf. Ich passierte die Erpeler Ley, Unkel und kurz vor Bad Honnef verliess ich Rheinland Pfalz und weiter ging es in Nordrhein-Westfalen in Richtung Siebengebirge. Das Auge Gottes war der erste Berg der uns so kurz vor Schluss nochmal quälte, es folgten der Himmerich, Löwenburg, Ölender und der grosse Breiberg. Frisch ausgeruht machen diese Berge sicherlich viel Spass aber mit bereits 10000Hm in den Knochen war das nicht mehr ganz so lustig das Siebengebirge zu queren. Ich erreichte kurz vor 22:00 Uhr den letzten Checkpoint. CP10 am Rhöndorfer Waldfriedhof. Dort gab es dann erstmal Pizza! Am Friedhof um 22:00 Uhr! Genial! 🙂 Ich traf dort auch wieder auf Frank, einen Läufer aus Würzburg den ich den ganzen Tag hindurch immer an den CPs oder auch mal auf der Strecke getroffen habe. Eigentlich auch ein Einzelgänger wie ich, entschieden wir die letzte Etappe bis ins Ziel zusammen durch die Nacht zu laufen. Es fiel immer schwerer sich zu konzentrieren und die Rheinsteigschilder zu finden und zu deuten. Man sieht Sachen die gar nicht existieren und übersieht Sachen die ganz real sind (Rheinsteigschilder zum Beispiel 🙂 ). Entschlossen , wie Frodo und Sam auf dem Weg nach Mordor, machten wir uns um 22:30 Uhr auf den Weg um den Ring zum Schicksalsberg zu bringen um die letzten 25km nach Bonn zu bewältigen. Drachenfels und Petersberg waren nochmal knackige Anstiege aber damit war dann auch das Siebengebirge gemeistert.

Kurz nach dem Petersberg kam und gegen 02:30 eine Stirnlampe entgegen. Die Stirnlampe stellte sich dann als Oliver vor. Oliver markierte die Strecke des RHEX (Rheinsteig Extremlauf) der am folgenden Morgen 35km durchs Siebengebirge ging. Hmmm, Rheinsteig-“Extrem”lauf über 35km? Und was mach ich hier gerade? Egal, not my business. Kurz noch über den Deutschlandlauf im kommenden Jahr gesprochen,  und weiter ging es die letzten 12km Richtung Bonn.

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Kennedybrücke

In Oberkassel ging es noch mal hügelig durch den Wald und plötzlich sahen wir die Lichter der Stadt. Häuser, Autos, Ampeln, das Telekomgebäude. Alles sehr seltsam. Man wird zum Waldschrat auf dem Rheinsteig.

4km am rechten Rheinufer entlang können sehr lang sein so kurz vor dem Ziel, aber wir erreichten auch irgendwann die Kennedybrücke und um 04:45 nach 82:45 Stunden erreichten wir den Bonner Marktplatz, des Ende des Rheinsteigs. Es folgte der Zieleinlauf gegenüber auf dem Remigiusplatz, leider ohne die 20 tanzenden GoGo-girls die wir uns wahrlich verdient hätten. 🙂

Mit der Überreichung der Finisherweste und Medaille durch Race Director Michael Eßer war der WiBoLT 2016 in trockenen Tüchern.

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Was bleibt: Unendliche Dankbarkeit an das WiBoLT-Team rund um RD Michael Eßer und die vielen freiwilligen Helfer an den CPs, die diesen Wahnsinn auch zu einem kulinarischen Erlebnis machten (habe 20000kcal verbraucht und trotzdem 1kg zugenommen 🙂 ). Grossen Dank auch an alle Freunde und Bekannte die mich mit ihren “Likes” und “Comments” auf meine FB posts während des Laufs immer weiter vorwärts trieben. Vielen Dank auch an die anderen Läufer für die netten Gespräche zwischendurch, ganz besonders an Frank Beutel, mit dem ich die Schicksalsgemeinschaft auf den letzten 25km bildete.

Und ich glaube, ein klein wenig Stolz bin ich auch noch. 🙂 🙂 🙂

One thought on “Review – WiBoLT 2016 – 320km”

  1. Großartiger Bericht. Ich habe in meinem Blog während dem Lauf immer mal wieder über den aktuellen Stand berichtet, aber das ist ja offensichtlich nichts gegen einen Bericht von einem der Teilnehmer, Finisher. Toll. Richtig super.

    Und stolz sein? Ja, bitte .. wann denn sonst, wenn nicht nach so einem Finish? Chapeau! Meinen großen Respekt hast du. 🙂

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